Vom Schatten ins Licht

Ein Leben nach der Therapie

 

 

Als ich im Mai 1994 in die Berghofklinik in Bad Essen kam gehörte ich zu den Patienten, die meinten, nicht in eine Suchtklinik zu gehören. Ich hatte durch mein Trinken Schwierigkeiten auf der Arbeit bekommen und die Therapie auf Anraten meines Arztes angetreten. Meiner Meinung nach gehörten ganz andere da hin, mir wollte man ja nur mein Feierabendbier wegnehmen. Dass dieses Feierabendbier damals allabendlich aus mittlerweile fast vier Litern bestand, und ich an den Wochenenden gar nicht mehr nüchtern war, hatte ich irgendwie übersehen. Die Therapeuten in der Klinik hatten meiner Einstellung zufolge auch nicht damit gerechnet, dass die bewilligten vier Monate ausreichen  würden, mich vom Gegenteil zu überzeugen.

 

Ich hatte dann auch mindestens schon fünf  Wochen Therapie hinter mir, bis ich  eingesehen hatte, dass ich Probleme mit dem Alkohol habe und somit „doch da hin gehörte“. Erst jetzt wurde der Aufenthalt dort eine Therapie für mich und irgendwie wurde die Klinik so gar wie ein zu Hause, in dem ich mich richtig wohl fühlte. Meine damaligen Mitpatienten und die Therapeuten hatten einen sehr großen Anteil daran.

 

Auf einem Freitag im September wurde ich entlassen und mein Lebensgefährte holte mich ich in Bad Essen ab. Auf der Autobahn in Bremen an der Abfahrt „Bremen Horn“,  also ca. 65 km von Bremerhaven entfernt, klang aus dem Radio eine Melodie mit folgendem Text:

 

 

Hier sind wir zu Hause,

hier in diesem Land.

Nehmen unser Leben

selber in die Hand.

 

 

Ja, das war es nun. Jetzt musste ich alleine klar kommen, der Schutz der „Käseglocke“ war nicht mehr gegeben.

 

In Bremerhaven angekommen wollte mein Lebensgefährte dann noch mal eben Zigaretten aus der Kneipe holen, wo er mir dann ein Wasser und sich ein Bier bestellte. Eine entsetzliche Situation. Er selbst war zu diesem Zeitpunkt noch „nasser“ Alkoholiker und ich war mal gerade vier Monate trocken. Was sollte daraus bloß werden. Aber was ich nie für möglich gehalten hatte, es war sein letztes Bier.

 

Nun ergaben sich allerdings große  Schwierigkeiten in unserer Partnerschaft. Unser Zusammenleben bestand bisher nur aus gemeinsamem Trinken. Jetzt mussten wir lernen unser Leben ohne Alkohol zu gestalten. Wir mussten uns jetzt nüchtern ertragen. Falsches Verhalten musste erkannt und geändert werden. Das hat alles sehr lange gedauert und es bestanden zuweilen auch Trennungsabsichten.

 

Gemeinsam haben wir nach meiner Rückkehr aus Bad Essen eine Selbsthilfegruppe, den „Freundeskreis“ in Leherheide aufgesucht. Unseren Bekanntenkreis haben wir allerdings am Anfang nicht geändert. Wir wollten uns einfach in „die Höhle des Löwen begeben“. Wir haben uns gesagt, wenn wir es in der Umgebung schaffen mit dem Trinken aufzuhören, wo es früher ohne nicht ging, dann haben wir schon sehr viel erreicht. Gerade in der Gesellschaft bestand aus früheren Erfahrungen heraus für mich das Problem, standhaft zu bleiben.  Es war nicht immer einfach, denn das Thema Alkohol spukte noch zu sehr in unseren Köpfen, und das noch sehr lange, aber wir wollten es unbedingt schaffen. Ich spürte allerdings, und es wurde mir teilweise auch gesagt, dass man uns bewunderte. Das gab dann zusätzlichen Auftrieb.

 

Im Jahr darauf konnten wir uns dann einen lang gehegten Wunsch erfüllen: Wir zogen aus einer Etagenwohnung in ein Häuschen mit Garten. Wir machten es uns  wunderschön. Nichts erinnerte mehr an eine Wohnung  mit einem Teppich voller Flecken von umgekippten Schnaps- bzw. Biergläsern, sowie Brandlöchern von heruntergefallener Zigarettenglut, wobei die Couchgarnitur auch nicht verschont geblieben war. Jedes Jahr erfreuen wir uns auch noch über  blühende Gärten, in denen zuweilen Frösche hüpfen oder Eichhörnchen herumspringen. Auch die Vögel hören wir wieder zwitschern, was wir in unserer Trinkphase gar nicht mehr wahrgenommen hatten.

 

Zudem fahren wir mindestens einmal im Jahr in den Urlaub und lernen somit auch etwas von der Welt kennen.

 

Im Jahr 2000 habe ich es zudem geschafft, meine Nikotinsucht zu besiegen.

 

Am 26.05.15 bin ich 21 Jahre trocken Ich besuche noch regelmäßig die Selbsthilfegruppe. In der Zwischenzeit habe ich erkannt, dass ich den Alkohol schon sehr früh eingesetzt hatte, um mit meinem Leben klar zu kommen. Vorbelastet durch die Alkoholkrankheit meiner Mutter und zudem Entwicklungsdefizite durch das gestörte Elternhaus – mein Vater war extrem jähzornig, und ich wagte es nicht, Wünsche zu äußern oder Probleme jeglicher Art anzusprechen. Mein Selbstbewusstsein war insofern  gleich null.  Bei  meinem ersten Biergenuss im Alter von 14 Jahren konnte ich diese „Defizite“ scheinbar lösen. Das war im Grunde schon der Einstieg. Der Alkohol hat mir zunächst geholfen unangenehme Situationen zu ertragen und er gaukelte mir vor, ein guter Freund zu sein, so dass ich letztendlich von ihm abhängig wurde. Ich wäre damals  sogar bereit gewesen, ihn gegen wirkliche Freunde einzutauschen. Meine Probleme wurden durch den Alkohol nie gelöst,  sie wurden im Gegenteil immer größer.

 

Ich kann aus Erfahrung sagen, dass jeder Mensch, bei dem Alkohol eine positive Wirkung erzielt, Gefahr läuft, irgendwann selbst einmal davon abhängig zu werden Mit positiver Wirkung meine ich z.B. ein gesteigertes Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein wie auch das Gefühl von angenehmer Entspannung. Insofern sollte jeder sein Trinken  genau beobachten. Vor allen jungen Leute möchte ich hier empfehlen, sich diesbezüglich sehr kritisch zu verhalten.

 

Zu den Besuchen der Selbsthilfegruppe nahm ich in der ersten Zeit auch noch therapeutische Hilfe in Anspruch.

 

Mittlerweile bin ich im Vorstand des o.g. Vereins,  leite eine Gruppe und verfüge  über ein niemals zuvor gekanntes Selbstbewusstsein. Keiner schaut mehr auf mich herab, im Gegenteil, manch einer schaut sogar zu mir herauf. Ich sehe meine Sucht als Chance für ein neues – vor allen Dingen – besseres Leben.

 

Es ist ganz wichtig, sein Leben aufzuarbeiten, auch noch nach einer Suchtbehandlung in einer Klinik. Allein mit dem Trinken aufzuhören reicht einfach nicht. In Bad Essen wurde mir zu einem neuen Leben die Tür geöffnet, hindurchgehen musste ich selber. Und das habe ich getan und es hat sich wahrlich gelohnt.