Sucht als Chance

 

 

Am 26. Mai ist es 21 Jahre her, dass ich in Bad Essen die Klinik betrat, und eine Therapie gegen meine Alkoholkrankheit begann. Mein Arbeitgeber sowie mein Arzt  hatten mir diesen Schritt empfohlen, da sie hier die Chance für mich sahen, mein Leben in den Griff zu bekommen.

 

Zu diesem Zeitpunkt hatte ich keinerlei Einsicht, schließlich war ich ja kein Spiegeltrinker, der rund um die Uhr trank. Ich sah mein Trinken als eine Entspannung nach Feierabend, und diese Entspannung sollte ich auf einmal nicht mehr genießen können.

 

Jetzt, fast 21 Jahre später, ist mir unklar, was sich damals in meinem Kopf abgespielt hat. Hatte ich denn wirklich übersehen, dass ich den Alkohol immer wieder eingesetzt hatte, dass ich zu diesem Zeitpunkt ohne ihn gar nicht in der Lage war zu leben?

 

Ich hatte schon mit 14 Jahren die erste Bekanntschaft mit diesem „Teufel“ gemacht. Es war auf der Konfirmation einer Freundin. Ich litt unter sehr starken Minderwertigkeitskomplexen und stellte fest, dass mit einem Schluck Sekt auf einmal alles für mich sehr positiv verlief. Auf einmal ging alles viel besser. Ich konnte reden, bekam problemlos Kontakt, ich bekam Anerkennung. Vor allen Dingen fühlte  ich mich endlich einmal entspannt. Die Welt war jetzt in Ordnung.

 

Sobald ich nun Gelegenheit hatte etwas Alkoholisches (derzeit in der Regel Sekt oder Bier) zu trinken, griff ich zu. Ich fühlte mich jedes Mal richtig wohl – eben entspannt. Ich war nicht betrunken, nur gut drauf.

 

Mit 17 kam dann die Zeit der ersten Kneipengänge. Ich trank mein Bier und alle Probleme, die mittlerweile nun auch die Pubertät mit sich brachten, waren (scheinbar) gelöst.  

 

 

Schon zu diesem Zeitpunkt entfernte ich mich von dem Menschen, der ich in Wirklichkeit eigentlich war.

 

 

 

Ich spielte die Starke, Kecke, Intelligente etc. und kam nach meinem damaligen Empfinden gut bei den Altersgenossinnen und Altersgenossen an. Man lernte aber ein ganz anderes Mädchen kennen, als das ich in Wirklichkeit war. Leider wirkte sich nun mein Alkoholproblem auch bei der Partnersuche aus. Es führte natürlich dazu, dass es jemand sein musste, der auch gerne trank. Und auch seine Eltern sollten Spaß am Feiern haben. Sonst hätten die mich ja mit Sicherheit abgelehnt.

 

Also der Schritt in die Anhängigkeit war vorprogrammiert. Der Alkohol wurde irgendwann ein  ständiger Begleiter. Bei den geringsten Problemen wurde er eingesetzt. Ich hatte schon im Elternhaus nicht gelernt Probleme zu bewältigen (meine Mutter war ebenfalls Alkoholikerin). Ich wollte immer perfekt sein, damit sie gar nicht erst auftraten. Die ständigen Eheprobleme und die irgendwann folgende Scheidung, was folgte, konnte ich nur mit Alkohol ertragen.

 

Also mein ganzes Leben bestand bis zu diesem Donnerstag, 26.05.1994 aus dem Denken an Alkohol. Nun stand meine Existenz auf dem Spiel. Keine Arbeit bedeutete den  sozialen Absturz und das wäre mein Ende gewesen.  Soweit reichte mein Verstand nun doch noch.

 

Die Zeit nach der Therapie in Bad Essen war dann auch sehr hart. Mein Partner gab nun auch das Trinken auf, und nun mussten wir lernen alle auftretenden Probleme, und das waren nicht wenige, ohne Alkohol zu bewältigen.

 

Es verging kein Tag, an dem mein Leben nicht wie ein Film an mir vorbei lief. Ich stellte immer mehr fest, wie falsch teilweise mein Handeln und Denken war. Wie weit ich schon in der „Gosse“ gelegen hatte. Ich bemerkte, wie viele Menschen sich mittlerweile schon von mir abgewandt hatten, da sie mit dieser Person nichts mehr zu tun haben wollten.

 

Man hat den Weg in ein neues Leben gefunden. Es gibt viele Menschen, die trinken und nicht süchtig werden. Wie wäre mein Leben ohne Sucht verlaufen? Ich hatte einen tiefen Einblick in mein eigenes ICH und sehe noch die Abgründe vor mir. Ich hatte die Chance, mein Leben zu überdenken und etwas wirklich Schönes daraus zu machen.

 

Ich bin stolz auf das, was ich geleistet habe!